Hans Carl Leonhard HeickeDer Sohn des Rennsport-Journalisten Ernst Heicke und Neffe des einzigen Jockeys, der alle klassischen Siege in ununterbrochener Folge gewinnen konnte, trug die Namen seines Urgroßvaters Carl Seibert und Großvaters Leo Printen.
Seine ersten reiterlichen Erfahrungen machte er in der
vormilitärischen Ausbildung bei Rittmeister Klitzke, dem
späteren Rennbahnverwalter in Köln. Dazu kamen dann
zwangsläufig und kriegsbedingt tägliche Lots bei "Bas"
Morawez
in Köln-Niehl. In den Sommerferien, die er bei der
Großmutter in Hoppegarten verbrachte, ritt er mit seinem Onkel
Willi Printen auf der Idea-Bahn die Erlenhofer Pferde bei Adrian von
Borcke.
1943 erlebte er dort sein erstes Derby und den letzten Ritt des
legendären Jules Rastenberger auf Ovation.
Als Flaghelfer erlernte er die Kenntnisse der Dunkelführung, also das Gespür dafür, wo sich ein bewegtes Objekt wieder zeigen müsste. Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft machte der siebzehnjährige Offiziersanwärter Notabitur und wurde in den Polizeidienst berufen. Aus dieser Zeit stammen sportliche Erfolge im Boxen und der Leichtathletik mit handgestoppten 10,0 auf 100m. Nach erfolgreich abgelegter Beamtenprüfung wandte er, der lieber in Aachen Jura studiert hätte, sich jedoch Tätigkeiten im Rennsport zu. Als Redakteur des Rennprogramms war er von 1948 bis 31.12.1984 für zuletzt 12 Rennvereine tätig.
In der Morgenarbeit ritt er für Kurt Deschner und Sven von
Mitzlaff, die dann beide auch für seine Amateurreiterlizenz
bürgten. Dankbar war er auch für das besondere Vertrauen, das
ihm Ewald Meyer zu Düte entgegenbrachte, als er ihn alleine mit
der klassischen Siegerin Jana nach England zur Bedeckung schickte. Dort
sah er nicht nur den legendären Fred Winter bei einem Siegritt,
sondern vernahm auch die dort übliche Ansage des Rennverlaufs,
für deren Einführung er sich dann auch in Deutschland
einsetzte und die er dann, nachdem man sich kostenmäßig mit
dem ursprünglichen Kandidaten nicht einigte, übernehmen
durfte. Etwa 35.000 Rennen sollten es sein, die er am Microphone
begleitete. Dies interessierte dann auch Rundfunk und Fernsehen und so
konnte er nach relativ kurzer Zeit seine 200. Reportage eines
Galopprennens für den Rundfunk durchführen. Eine leider auch
nicht ganz ungefährliche Angelegenheit, wie ein Blitzeinschlag in
Köln mit ignoriertem Herzinfarkt und ein zweiter ignorierter
Herzinfarkt beim Navarino-Derby als Anno und Tombos torkelten und
Arcosanti wie der Sieger aussah, dokumentierten.
Zwei Derbysieger mögen ihn jedoch besonders gefreut haben, Ordos
und
Orofino, da er selbst mehrere Nachkommen der obengenannten Ovation im
Training reiten durfte.
Durch die Rennverlaufansage kam er selbst nur selten dazu selber Rennen
zu reiten. Die größte Siegchance hatte er mit der güst
gebliebenen Fiorellina, doch eine Rempelei am Start brachte die Stute
in
Neuss völlig von den Beinen. Es war viel Boden gut zu machen und
damit reichte es nur zu einer Plazierung. Den Kommentar in der
Sport-Welt schrieb sein langjähriger Freund und Weggefährte
Rudi Schillings.
Durch zahlreiche Stallbesprechungen kannte er die meisten Pferde schon
vor dem ersten Start. Auch für Auktionskataloge war er stets ein
gefragter Mitarbeiter. Hans Carl Heicke wirkte stets unauffällig
hinter den Kulissen.
Für
gut drei Dutzend Zeitungen berichtete er unter fast ebensovielen
Pseudonymen über die Geschehnisse im Galopprennsport. Oft genug
hat er dabei auch Kollegen vertreten, die anderweitig gebunden waren.
Gerne
erinnerte er sich an den Rennbahnbesucher, der mit Blick auf den freien
Presseplatz in Köln lauthals fragte, wer denn eigentlich dieser
"Carl Leonhard" sei, den man nie zu Gesicht bekäme.
Lediglich die Artikel im Vollblut erschienen unter seinem eigenen Namen. Gefreut haben ihn die Erfolge von Quijano im letzten Jahr, denn die wären ohne Abschaffung der unsinnigen Wallachklausel nicht möglich gewesen. Auch etliche andere Artikel waren stark vorausschauend orientiert und wurden seinerzeit noch nicht verstanden. Wer sich mit der Geschichte des Deutschen Rennsports befasst wird seine Spuren immer wieder finden.
Mit dem Namen Hans Carl Heicke ist auch die Wahl zum Galopper des Jahres verbunden und bei Gründung des Galopp Club Deutschland wurde er als erster Geschäftsführer bestimmt. An der Einführung des Rennbahnfernsehens war er ebenfalls maßgeblich beteiligt. Die Aufgaben als Pressesprecher des Direktoriums ließen sich irgendwann zeitlich nicht mehr mit den diversen anderen Tätigkeiten verbinden und auch wegen Kompetenzmangel der Auftraggeber nicht mehr durchführen. Von den etwa 40 ihm persönlich bekannten Geschäftsführern im Deutschen Galopprennsport waren nur eine Handvoll seiner Ansicht nach ihrem Posten gewachsen. Harald von Gustedt wurde von ihm als der wohl Beste genannt; mit Egbert von Schmidt-Pauli bestanden fast freundschaftliche Beziehungen.
Still war sein Abschied von der Hamburger Rennbahn nach seinem 25.
Derby am Microphone. Still war auch sein Weggang aus Deutschland am
31.12.1984. Die Ehrennadel des Direktoriums wurde nachgereicht. Gut 20
Jahre verbrachte er in der Abgeschiedenheit und Ruhe der canarischen
Berge.
Vor drei Jahren musste er wegen eines erlittenen Schlaganfalls und
dadurch notwendiger familiärer Unterstützung nach
Deutschland zurückkehren und wohnte in
Hoppegarten im Hause seines Urgroßvaters Carl Seibert, des mit
Abstand erfolgreichsten deutschen Trainers der Kaiserzeit. Viel Zeit
verbrachte er im Archiv der Rennbahn, bis ihm "aus
Kostengründen" der Zugang verwehrt wurde. Ein geplantes Buch
über die Geschichte des Galopprennsports blieb somit unvollendet.
Daß er 2005 bei Manduro's Sieg das zukünftig weltbeste Pferd
(2007) sehen
durfte, versöhnte ihn mit der Tatsache, noch nie so viele
schlechte
Pferde an einem Renntag gesehen zu haben wie nun mal derzeit in
Hoppegarten. Nach über 20 Jahren Abwesenheit fielen ihm viele
Veränderungen unangenehm auf. Er bestand darauf, daß er
seinerzeit "Ansage des Rennverlaufs" gemacht habe und hatte kein
Verständnis für diverse Kommentare die heutzutage
einfließen. Die unprofessionelle Untätigkeit der
Rennleitung und die mangelnde Disziplin mit der die Pferde zur
Bahn gebracht werden waren ihm ein ständiges Ärgernis. Der
Leichtsinn führt seiner Ansicht nach unvermeidlich zur
Katastrophe.
Gefreut hat er sich über das Wiedersehen mit einigen Aktiven, wie
zuletzt Uwe Ostmann, der sich noch allzu gut an die Zeit bei Sven von
Mitzlaff erinnerte. Gefreut hat er sich auch über das Engagement
von Fährhof und Schlenderhan, die seiner Ansicht nach immer wieder
für Hoppegarten "Farbe gezeigt" haben. Gefreut haben ihn auch die
publikumswirksamen Schimmelsiege.
Er, der jeden Jockey am Sitz erkennen konnte, beobachtete bei allen
Renntage stets den Jockeynachwuchs mit kritischem Auge. So mancher der
heutigen Stars wurde mit recht bissigen Bemerkungen bedacht.
Emotional berührt hat ihn in den letzten Jahren die Pferdeschau Appassionata und das letzte Rennen 2007 in Hoppegarten, als Pascal Jonathan Werning nach einem Glanzritt gewann. Vielleicht mag er gespürt haben, daß er nicht mehr zurückkehrt.
Die Aufregungen um den Erhalt der Galopprennbahn in Hoppegarten und die inkompetenten Machenschaften haben wohl mit dazu geführt, daß er den Preis dafür zahlte, daß die Medikamente zur Verhinderung eines zweiten Schlaganfalls, die ihm ein Leben bei klarem Verstand ermöglichten, letztendlich doch die allzeit befürchtete Gehirnblutung auslösten, der er kurz darauf erlag.
Wunschgemäß findet er seine letzte Ruhestätte im Kreise der Großen aus der Hochzeit des Turfs.